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Rembrandt Harmensz van Rijn (1606 – 1669) und Werkstatt: Mann in orientalischem Kostüm (Detail), um 1635, National Gallery of Art, Washington, Andrew W. Mellon Collection
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13. März bis 27. Juni 2021

Rembrandts Orient

Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts

Turban, Teppich, Tulpe – immer wieder haben Rembrandt und seine Zeitgenossen Gegenstände aus fernen Ländern gemalt. Ihre Kunstwerke sind Zeugnisse der ersten Globalisierung und zeigen den Einfluss fremder Kulturen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Wissensdurst, Sammellust und Besitzerstolz haben diese kunstgeschichtlich bedeutende Epoche geprägt und die Maler zu neuartigen Historienszenen, Portraits und Stillleben inspiriert. Die Kehrseite dieser Weltaneignung wie Sklaverei, Handelskriege und die Verluste eigener Seeleute wurde dagegen nicht dargestellt. Im Rahmen der heutigen Debatte um Kolonialismus thematisiert die Ausstellung die damaligen Bilder des Fremden und das Machtgefälle zwischen den Kulturen. Anhand von über 100 Kunstwerken bietet die Schau die Möglichkeit, diesen bis heute andauernden Eurozentrismus zu hinterfragen.

Gary Schwartz zum 80. Geburtstag
„Eine Gabe der Verknüpfung – von Kunst­werken, Künstlern und Biographien ebenso wie von Kolleginnen und Kollegen“

Von Michael Philipp, Chefkurator, Museum Barberini

Als wir vor einigen Jahren darüber nachdachten, eine Ausstellung zum Thema Rembrandt‘s Orient zu organisieren, stand uns als der bestmögliche Gastkurator unmittelbar Gary Schwartz vor Augen. Nicht dass er nur auf Rembrandt fokussiert wäre – er veröffentlichte auch große Monographien über Pieter Saenredam (1989), Jheronimus Bosch (2016) und Johannes Vermeer (2017) –, doch mit Rembrandt beschäftigt er sich seit Jahr­zehnten am intensivsten. Hinzu kommen seine Aufgeschlossenheit gegenüber besonderen Frage­stellungen, die Freude an unkonventionellen Thesen und seine Gabe der Verknüpfung – von Kunst­werken, Künstlern und Biographien ebenso wie von Kolleginnen und Kollegen.

Bereits 1968 hatte Gary Schwartz, damals Mitarbeiter des Amsterdamer Verlags Meulen­hoff, Horst Gerson bei der Herausgabe seiner großen Edition Rembrandt paintings assistiert, 1977 war Schwartz‘ inzwischen mehr­fach nachgedruckte und bis heute liefer­bare Publikation Rembrandt: all the etchings in true size erschienen, eine äußerst hilfreiche, nach den Bartsch-Nummern geglie­derte Zusammenstellung der gesamten Druckgraphik. Im selben Jahr veröffentlichte er in seinem 1971 in Maarssen bei Utrecht gegründeten Verlag „Uit­geverij Gary Schwartz“ den Index to the formal ressources of Rembrandt‘s Art von Ben Broos. Dies war ein früher Hinweis auf Schwartz‘ Wertschätzung der originalen Quellen für die Kunstgeschichte, die für alle seine Arbeiten gilt.

Quelle: www.garyschwartzarthistorian.nl

Quelle: www.garyschwartzarthistorian.nl

Von Michael Philipp, Chefkurator, Museum Barberini

Als wir vor einigen Jahren darüber nachdachten, eine Ausstellung zum Thema Rembrandt‘s Orient zu organisieren, stand uns als der bestmögliche Gastkurator unmittelbar Gary Schwartz vor Augen. Nicht dass er nur auf Rembrandt fokussiert wäre – er veröffentlichte auch große Monographien über Pieter Saenredam (1989), Jheronimus Bosch (2016) und Johannes Vermeer (2017) –, doch mit Rembrandt beschäftigt er sich seit Jahr­zehnten am intensivsten. Hinzu kommen seine Aufgeschlossenheit gegenüber besonderen Frage­stellungen, die Freude an unkonventionellen Thesen und seine Gabe der Verknüpfung – von Kunst­werken, Künstlern und Biographien ebenso wie von Kolleginnen und Kollegen.

Bereits 1968 hatte Gary Schwartz, damals Mitarbeiter des Amsterdamer Verlags Meulen­hoff, Horst Gerson bei der Herausgabe seiner großen Edition Rembrandt paintings assistiert, 1977 war Schwartz‘ inzwischen mehr­fach nachgedruckte und bis heute liefer­bare Publikation Rembrandt: all the etchings in true size erschienen, eine äußerst hilfreiche, nach den Bartsch-Nummern geglie­derte Zusammenstellung der gesamten Druckgraphik. Im selben Jahr veröffentlichte er in seinem 1971 in Maarssen bei Utrecht gegründeten Verlag „Uit­geverij Gary Schwartz“ den Index to the formal ressources of Rembrandt‘s Art von Ben Broos. Dies war ein früher Hinweis auf Schwartz‘ Wertschätzung der originalen Quellen für die Kunstgeschichte, die für alle seine Arbeiten gilt.

Quelle: www.garyschwartzarthistorian.nl

Quelle: www.garyschwartzarthistorian.nl

1984 erschien zunächst auf Niederländisch, übersetzt von Loekie Schwartz, Rembrandt, his life, his paintings – a new bio­graphie, die englische Ausgabe folgte ein Jahr später. Dieses Buch warf tatsächlich einen neuen Blick auf Rembrandt, für den es vielleicht den Hintergrund des von außen Kommenden bedurfte. Gary Schwartz war in Brooklyn geboren und hatte in New York und Baltimore Kunstgeschichte studiert, bevor er 1965 in die Niederlande übersiedelte. In seinem Rembrandt-Buch folgte er der sozialgeschichtlichen Heran­gehens­weise, wie sie Jan Gerrit van Gelder, einflussreicher Kunsthistoriker der Universität Utrecht, forderte. Gary Schwartz stellte nicht die damals noch üblichen formalen Kriterien Zuschreibung, Stil und Ikonographie in den Vorder­grund. Vielmehr verortete er Rembrandt in dessen Welt, untersuchte das intellektuelle Klima seiner Zeit und betonte die Rolle seiner Auf­traggeber.

Schwartz‘ damaliges skeptisches Urteil über die Persönlichkeit Rembrandts – er beschrieb ihn als ungehobelt und ungesellig, gierig, eitel und arrogant (boorish, unsociable, greedy, vain and arrogant) – stieß auf heftige Kritik. Ein Rezensent nannte Schwartz‘ Bewertung in The New York Times Book Review ätzend (caustic) und erschreckend (startling). Mochte die Dekonstruk­tion eines Mythos die zeitbedingte Antwort auf längst über­holten Genie­kult gewesen sein – die Einbeziehung des sozialen und intellektuellen Kontexts war ein zukunftsweisender Ansatz. Der historische Hintergrund einer künstlerischen Hervorbringung ist längst unverzichtbarer Teil jeder Kunstgeschichtsschreibung. Er ist auch die Grundlage der Ausstellung Rembrandt’s Orient. Die Reaktionen Rembrandts auf fremdländische Kulturen ist in Schwartz‘ zweitem großen Buch über Rembrandt, 2006 zugleich in einer englischen, niederländischen, spanischen, fran­zösischen und deutschen Ausgabe erschienen und von einem milderen Fazit geprägt, angedeutet, aber noch nicht ausführlich behandelt.

Als wir Gary Schwartz auf dieses Projekt ansprachen – den Kontakt hatte der Amster­damer Kunsthistoriker und Journalist Erik Spaans hergestellt, von dem auch die Anregung zu diesem Thema gekommen war –, erklärte er sich sofort bereit, als Gastkurator tätig zu werden. In dieser Rolle war er auch für das Frans Hals Museum in Haarlem aktiv, für die Ausstellung Emo­tions: Pain and pleasure in Dutch paintings of the Golden Age (2014). Vor allem aber habe er sich schon lang mit dem A­spekt West meets East in Dutch Art of the 17th Century – so der von ihm vorgeschlagene Untertitel unserer Ausstellung – beschäftigt und als Gastkurator könne er viele Fäden seiner Forschung verknüpfen. 2009/10 war Gary Schwartz Mitglied einer Forscher­gruppe am Netherlands Institute for Advanced Study in the Humanities and Social Sciences zum Thema „The Reception of Netherlandish Art in the Indian Ocean Region and East Asia, and its Impact on Asian Cultures“. Mehrfach schrieb er zu nieder­ländi­schen Künstlern des 17. Jahrhunderts in Persien, unter anderem 2015 im Katalog zur Zürcher Ausstellung The fascination of Persia: The Persian-European dialogue in seventeenth-century art & contemporary art of Teheran. Dieser und weitere Artikel zu vielen anderen kunstgeschichtlichen Themen findet sich auf seinem seit vielen Jahren betriebenen Blog Schwartzlist, der mittlerweile über 380 Beiträge enthält und auch Diskussionen mit seinen Lesern dokumentiert.

Mit dem von Gary Schwartz erstellten Konzept untersucht die Ausstellung Rembrandt’s Orient, wie die Maler des nieder­ländischen Goldenen Zeitalters der Kunst auf die durch Handel, Reisen und Publikationen in den Blick geratenen Gebiete des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens, im damaligen Sprachgebrauch unter Orient zusammengefasst, reagierten. Ihre Kunstwerke sind Zeugnisse der ersten Globalisierung und zeigen den Einfluss fremder Kulturen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Dabei ist Rembrandt der Ausgangs­punkt, ist doch seine Faszination für „den Osten“, die sich in seinen biblischen Historien mit orientalisierenden Gewän­dern in den Tronies von „Orientalen“ und in seiner Sammlung exotischer Objekte zeigt, so augenfällig wie bekannt. Rembrandt-Schüler wie Isaak de Jouderville, Jan Victors oder Gerbrand van den Eeckhout verwendeten ebenso wie ihr Lehrer für Szenen aus der Bibel phantasievolle Turbane. Sie statteten sogar in portraits histoirés die Dargestellten mit orientalisierenden Kostümen aus. Die Selbstinszenierung in solcher Kleidung und vor orienta­lischen Teppichen war ein Statussymbol wohlhabender Bürger, für das auch Beispiele von Michiel de Musscher und Ferdinand Bol gezeigt werden.

Die Ausstellung thematisiert auch den globalen Handel, der exotische Objekte wie Porzellan oder Nautilusmuscheln in die Niederlande brachte, wie sie Willem Kalf oder Jan van der Heyden als Zeugnisse von Sammelleidenschaft und Welt­aneignung in ihren Stillleben malten. Nur wenige Kunstwerke dokumentieren eine konkrete Begegnung zwischen West und Ost wie etwa Aegidius Sadeler II. im Kupferstich Bildnis des Mechti Kuli Beg oder Jan Baptist Weenix in seinem Gemälde Der niederländische Botschafter auf dem Weg nach Isfahan aus den 1650er Jahren. Dass der Reichtum der niederländischen Oberschicht auch durch Gewalt und Unter­drückung im Fernen Osten, durch Sklaverei und Handels­kriege, zustande kam und einen hohen menschlichen Preis – auch unter den eigenen Seeleuten – forderte, hat in den Kunstwerken keinen ange­messe­­nen Nieder­schlag gefunden. Diese Kehrseite lässt sich aber zumindest indirekt in allgemein gehaltenen Schlachten­szenen von Jacques Muller, Johannes Lingelbach oder Philips Wouwerman zeigen.

Während der Orient durch exotische Objekte und Kleidung in den niederländischen Bürgerhäusern des 17. Jahrhunderts präsent war und zahllose Berichte über Reisen in den Osten publiziert wurden, erkundete kaum ein Künstler die fernen Länder vor Ort. So blieben der Orient und das Orientalische in der niederländischen Bildwelt jener Zeit ein Konstrukt aus Versatzstücken, Stereo­typen und Imagination. Das Fremde wurde geschätzt und in den Lebensstil integriert. Aber das war zumeist nicht mehr als eine Attitüde, denn das Interesse galt weniger den anderen Kulturen als ihren materiellen Zeugnissen und Hervor­bringungen, die aufgrund ihrer Kostbarkeit und des damit verbundenen Prestiges begehrt waren. Die west-östliche Begegnung fand nicht auf Augenhöhe statt, zu einem auf Gleichwertigkeit beruhenden Austausch kam es nicht. Das Fremde war ein reiz­voller Kontrast zum Eigenen, aber es erregte kaum tiefergehende Anteilnahme. Das war bei Rembrandt nicht anders als bei seinen Zeitgenossen, und an dieser Einstellung hat sich – und zu dieser Reflexion lädt die Ausstellung ein – bis heute in weiten Teilen der westlichen Welt nichts geändert. Die Ausstellung ver­­ortet sich auch im heutigen Diskurs über Kolonialismus und seine Folgen. Gleichwohl haben wir uns für den nicht unum­strittenen Begriff „Orient“ im Titel entschieden, weil es, wie der Genitiv Rembrandt’s signalisiert, um die damals damit verbunde­nen Vorstellungen geht.

Bei der mehrjährigen Vorbereitung der Ausstellung zeigte sich immer wieder die profunde Materialkenntnis von Gary Schwartz, seine Assoziationsfähigkeit, die oft überraschende Zusammenhänge aufdeckt, und die wohl nur einem Privatgelehrten (inde­pendent scholar) mögliche Courage für mitunter verblüffende Hypothesen. Seinen unerschöpflichen Hinweisen auf weitere mögliche Exponate und den von ihm immer weiter entwickelten Verästelungen und Vertiefungen des Themas konnte tatsächlich nur die Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Galerie­räume Einhalt gebieten. Bei Gesprächen mit potentiellen Leihgebern – Museen wie privaten Sammlern – half seine große Reputation als Rembrandt-Forscher. Schon in den 1980er Jahren gehörte er zu den 30 Rembrandt-Spezialisten, die nach Boston zu einem Kongress über die Zu- und Abschreibungen des Rembrandt Research Projekts (RRP) in ameri­kanischen Museen berufen wurden, 2009 erhielt er den renommierten „Prins Bernhard Cultuurfonds Prijs voor de Geestes­wetenschappen“. Wesentlich war auch die Überzeugungskraft, mit der er Leihgesuche begründet. So war die Anfrage für ein Rembrandt-Gemälde im Kunstmuseum Basel so schlagend, dass der zuständige Kurator Bodo Brinkmann nicht nur spontan die Leihgabe in Aussicht stellte, sondern auch gleich fragte, ob Basel nicht als zweite Station für die Ausstellung möglich sei.

Viele Leihgaben wurden auch durch Gary Schwartz‘ kommunikatives Talent und seine weit verzweigten persönlichen Kontakte ermöglicht. Sein ausgezeichnetes Netzwerk geht auf seine langjährige Tätigkeit als Verleger zurück – in seinem bis 1991 betriebenen Verlag sind viele wichtige Titel zur niederländischen Kunstgeschichte erschienen –, als Autor und als Redner auf zahllosen Kongressen in aller Welt, und schließlich vor allem aber auf CODART, ein internationales Netzwerk par excellence – 1998 auf seine Initiative gegründet und von ihm bis 2005 geleitet. So konnten für diese Ausstellung über 120 Gemälde, Zeich­nungen, Graphiken und Bücher von 50 Leihgebern aus 15 Ländern gewonnen werden. Zu den Leihgebern gehören die National Gallery Washington, die State Ermitage St. Petersburg, das Museo Nacional del Prado, das Rijksmuseum Amsterdam oder die Gemälde­galerie Alte Meister in Dresden.

Die Ausstellung Rembrandt‘s Orient. West meets East in Dutch Art of the 17th Century hätte im Museum Barberini in Potsdam am 26. Juni dieses Jahres eröffnet werden sollen – nur zwei Wochen nach Gary Schwartz‘ 80. Geburtstag am 12. Juni. Dieses zeitliche Zusammen­treffen war nicht geplant, sondern ein schöner Zufall. Leider kam es aufgrund der Corona-Pandemie anders. Wegen der Schwierigkeiten des internationalen Luftfracht- und Reiseverkehrs war eine Realisierung der Ausstellung mit so vielen internationalen Leihgaben in diesem Sommer nicht möglich. So wird sie nun zuerst vom 31. November 2020 bis zum 14. Februar 2021 im Kunst­museum Basel zu sehen sein und erst anschließend vom 13. März bis 27. Juni 2021 im Museum Barberini in Potsdam. Alle Kolleginnen und Kollegen in den Museen haben sich bei der Änderung der Ausstellungsdaten beispiellos solidarisch verhalten und so die ungewöhnliche Verschiebung ermöglicht.

Michael Philipp, Chefkurator Museum Barberini, Potsdam, 12. Juni 2020
Veröffentlicht in der Reihe Curator´s Project auf CODART